29. September 2015

Flüchtlinge – kein Spendenthema?

Natur-Katastrophen bewegen zum Spenden. Aber was ist mit anderen Katastrophen – mit solchen, die durch Kriege ausgelöst wurden? Wir haben recherchiert, wie sich die Flüchtlingskrise auf den Spendenmarkt auswirkt.

Kategorien: Innovationen, Kennzahlen, Markt-Themen, neue Spender finden und Online-Aktionen.

Eigentlich ist die Sache klar. Im Jahr 2014 geben nur 2 % der Österreicher an, für Flüchtlinge/Asylwerber im Ausland und nur 6 % für Flüchtlinge/Asylwerber im Österreich zu spenden (www.market.at). Und die Erklärung dazu war alt bewährt: Die Menschen spenden lieber für Naturkatastrophen als für Flüchtlinge. Und das, obwohl das Erdbeben in Nepal und das Flüchtlingsdrama in Syrien ungefähr gleich vielen Menschen das Leben kostete. Bis zum Juni 2015 erhielt die Caritas rund 4,5 Millionen Euro an Spenden für Nepal, aber nur 350.000 für die aktuelle Flüchtlingskrise (www.spendeninfo.at). Aber jetzt ist alles anders.

Die Zivilgesellschaft duldet die Flüchtlinge nicht nur, sie hilft aktiv – in Traiskirchen, in Nickelsdorf und am Westbahnhof. Und das führt dazu, dass die Politik für offene Grenzen aus Ungarn sorgt. Das ist großartig und der Verdienst der Menschen in Österreich: „Die Zivilgesellschaft leistet Enormes“, sagte Alexander Bodmann, Caritas-Generalsekretär der Erzdiözese Wien (http://wien.orf.at/news/stories/2729284/). Der UNHCR zeigt die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Österreicher sogar in einem Film auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=Yd5ZNpvXI5c

Warum ist diesmal alles anders? Warum gilt die alte Weisheit, dass für Flüchtlinge nicht gespendet wird, nicht mehr? Hier lassen sich einige Faktoren festmachen.

Faktor 1: Mediale Berichterstattung bringt Spenden
Die schrecklichen Zustände im Lager Traiskirchen und der Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in einem LKW wurden zur Nachricht und damit präsent in den Köpfen der Menschen. Und die emotionalen Bilder von Frauen, die keine Babynahrung für ihre hungrigen Kinder haben, Familien ohne Schutz vor der sengenden Sonne und die Überforderung der Lagerorganisation berührten. Und diese emotionale Betroffenheit hat dazu geführt, dass die Menschen helfen wollen: mit Sachspenden, Zeitspenden und mit Geldspenden.

Die mediale Berichterstattung schnellte am 5.9. in die Höhe, als Kanzler Faymann gemeinsam mit der deutschen Kanzlerin Merkel tätig wird. Und die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge einreisen lässt. Die Grenzöffnung am 5.9.2015 schlägt sich auch im sozialen Netzwerk nieder. So sind die Likes auf „Caritas. Wir helfen. Flüchtlingshilfe“ um 42 % gestiegen. Bislang wurde diese Gruppe auf Facebook über 43.000 mal geliked. (https://www.facebook.com/caritas.omni.bus/likes).

Faktor 2: Räumliche Nähe sorgt für Aufmerksamkeit
Die räumliche Nähe zu Traiskirchen hat die mediale Berichterstattung angeheizt. Diese hat dazu geführt, dass das Thema als relevant wahrgenommen wird. Und nur, wer das Gefühl hat „das geht mich etwas an“, tut auch etwas.

Faktor 3: Andere Aufrufe sprechen andere Zielgruppen an.
Durch räumliche Nähe zu den Flüchtlingen wird nicht nur um Geld-, sondern auch um rasche Sachspenden und Unterstützung vor Ort gebeten. Mit diesem Appell werden wohl auch andere Zielgruppen, als die typischen Spender angesprochen. Diese Annahme geht mit der Public Opinion Studie 2014 konform. Die Studie belegt, dass 66 % der Spender anlassbezogen spenden. Bei den unter 30jährigen sind es 76 %, bei den bis 50jährigen 68%.

Eine Studie des Sozialministeriums besagt, dass 46 % der Österreicher Freiwilligenarbeit leisten (www.spendeninfo.at). So verfügt die Caritas über ein Netzwerk aus Helfern, darunter über 2.000 Flüchtlingshelfer.

Faktor 4: Online besser vernetzt
Facebook und das Internet werden immer wichtiger. Rund 60 Initiativen nutzen das Internet – einerseits für Hilfsaufrufe und andererseits zur besseren Vernetzung und Bündelungen der Hilfsaktionen.
– Die Caritas organisiert Sachspenden und Helfer über die Gruppe „Caritas. Wir helfen. Flüchtlingshilfe“ und über die Homepage. Die Caritas ist in Traiskirchen mit einem Omnibus und an den Bahnhöfen präsent. Und informiert laufend über Facebook – auch darüber, welche Sachspenden gebraucht werden.

  • Das Rote Kreuz informiert über Facebook z.B. über die Situation am Grenzübergang Nickelsdorf.
  • Die Facebook- und Internet-Seite von „happy thank you more please“ ist eine privat organisierte Initiative und bringt Sachspenden nach Traiskirchen.
  • Auf www.schweigendemehrheit.at“ gibt eine Ärztin bekannt, welche Medikamente/Verbandsmaterialien und Hygieneartikel gebraucht werden.
  • Auch die Stadt Wien ist online aktiv: Über www.flüchtlinge.wien und per Hotline wird die Hilfe von Freiwilligen für Flüchtlinge in Wien gebündelt.
  • Auch über die Webseite „www.refugiees.at“ sieht man, an welchen Bahnhöfen von Wien bis München welche Form der Unterstützung benötigt wird.
  • Auf www.fluechtlinge-willkommen.at werden WG-Plätze an Flüchtlinge vergeben.
  • Auf der Facebookseite „trainofhope“ ist zu lesen, welche Sachspenden (Essen, Getränke, Kleidung, Hygieneartikel) am Hauptbahnhof dringend für die Flüchtlinge benötigt werden.

Faktor 5: Firmen helfen – mit eigenen Projekten, Kooperationen oder Spenden
DM bietet in Kooperation mit Caritas und dem Diakonieflüchtlingsdienst die Möglichkeit, beim Einkauf direkt an der Kasse zu spenden. (www.caritas.at)
Die REWE-Group spendet 500.000,- Euro und bringen 500 Liter Wasser und 1.500 Schachteln Kekse nach Traiskirchen (Krone bunt, vom 06.09.15, S. 6).
Privatfirmen wie XL Catlin, Marsh oder T-Systems schenken einen Tag lang Arbeitskraft. Mastertent schenkt ein Zelt, die Bank Austria hilft mit Sachspenden wie Rucksäcken und Isomatten. Die ÖBB verteilt Wasser und Snacks (wien.orf.at/news/stories/2729617/).

Faktor 6: Aktionismus von Promis hilft
Schweigeminute Traiskirchen – der Sänger Raoul Haspel unterstützt die Flüchtlinge mit seiner CD. Und auf dem Frequency-Festival wurde dazu aufgerufen, die Zelte für Traiskirchen zu spenden.

Faktor 7: Bekannte NPOs werden am meisten unterstützt
Vor allem das Rote Kreuz, die Caritas und Ärzte ohne Grenzen sind medial und im Netz mit ihren Hilfsaufrufen zur Flüchtlingskrise präsent. Ihre Kompetenz wird auch durch Spenden anerkannt.

Faktor 8: Auch die Medien sammeln Spenden.
Google verdoppelt beispielsweise jede Spende unter https://onetoday.google.com/page/refugeerelief?c=AT.
Der ORF hat gemeinsam mit NPOs die Spendensammelaktion „helfen wie wir” gestartet.

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